Seelische Gewalt: Der innere Schmerz

von

Conni Wilz

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Seelische Gewalt. © Ismael Sánchez auf Pexels

Böse Blicke, verbale Attacken und eisiges Schweigen: Seelische Gewalt trifft deine Psyche oft mit einer größeren zerstörerischen Wucht als körperliche Gewalt. Das Tragische: Innere Verletzungen sind für andere nicht sofort sichtbar. Oft bleiben sie unerkannt.

Seelische Gewalt erklärt

Es ist kein Schlag, der dich schmerzt, sondern neben einer bestimmten Person das ständige Gefühl, wertlos zu sein. Das ist ein typischer Hinweis auf seelische Gewalt. Du kannst das auch psychische oder emotionale Gewalt nennen. Alle Begriffe beschreiben eine Gewaltform, die deine Würde, deinen Stolz und dein Selbstbewusstsein verletzt.

Täter halten ihre Opfer auf diese Weise klein.
Warum tun sie das?
Sie wollen Kontrolle und Macht ausüben.

Auf den ersten Blick ist seelische Gewalt schwer zu erkennen. Sie läuft häufig im Hintergrund ab und entwickelt sich schleichend. Viele Betroffene verdrängen ihr inneres Leid, indem sie sich und Außenstehenden vormachen, alles wäre in Ordnung.

Sie beschönigen die schlechte Beziehung zum Täter bzw. zur Täterin oder finden Ausreden für sein/ihr Verhalten. Dass sie Gewaltopfer sind, begreifen sie erst spät.

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Psychische Gewalt ereignet sich überall: Sowohl in Familie, Partnerschaft und Ehe als auch im privaten Umfeld, in Behörden und am Arbeitsplatz. Es gibt keine typischen Täter oder Opfer – doch eine Gemeinsamkeit: Die Betroffenen werden so lange klein gemacht, bis sie selbst daran glauben.

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Deshalb sind Frauen und Männer gleichermaßen betroffen. In Paarbeziehungen passiert das besonders oft. Vor allem, wenn eine Trennung im Raum steht.

Außerdem kann sich seelische Gewalt gegen Pflege- und Schutzbedürftige richten: Kinder und Jugendliche werden aufgrund ihrer Unterlegenheit sehr leicht zum Opfer – oft innerhalb der eigenen Familie. In Kliniken erleben viele Frauen Erpressung und verbale Gewalt unter der Geburt.

10 Beispiele für seelische Gewalt

  1. Jemand beschimpft und demütigt dich („Du blöde Kuh kriegst nichts auf die Reihe.“)
  2. Du erlebst unvorhersehbare Wutausbrüche und wirst dabei aggressiv angebrüllt.
  3. Jemand kontrolliert deine sozialen Kontakte und will dich isolieren.
  4. Du wirst bedroht und genötigt („Wenn du das nicht tust, wird es dir schlimm ergehen.“)
  5. Jemand macht sich über dich lustig und mobbt dich.
  6. Du wirst in der Wohnung/an anderen Orten ein- oder ausgesperrt.
  7. Jemand ignoriert dich absichtlich und nutzt Liebesentzug als Druckmittel.
  8. Du wirst emotional erpresst („Trennst du dich von mir, wirst du die Kinder nie wieder sehen.“)
  9. Jemand stellt dir nach/stalkt dich.
  10. Über dich werden Lügen und Gerüchte verbreitet („Sie geht mit jedem ins Bett.“)
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Viele Frauen erleben seelische Gewalt und üben sie auch aus. © neosiam auf Pexels.

Das sind die Folgen

Seelische Gewalt zerstört dich langsam und leise. Als Opfer kannst du Ängste, Schlaf- und Essstörungen entwickeln. Schnell gerätst du immer tiefer in eine Spirale, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Das kann zu Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken oder schlimmstenfalls zum Suizid führen. Besonders schwer ist es, wenn der Täter dich isoliert und du keine Unterstützung durch soziale Kontakte bekommst.

Seelische Gewalterfahrungen können dein Leben prägen. Selbst wenn du dein gewalttätiges Umfeld längst hinter dir gelassen hast. Die Gefahr, in der Opferrolle gefangen zu bleiben, ist groß. Viele Betroffene fühlen sich der Welt hilflos ausgeliefert. Sie lassen sich weiterhin schlecht behandeln, weil sie denken, es verdient zu haben. Sie fühlen sich schnell schuldig und für die Probleme anderer verantwortlich. Es besteht das Risiko, wieder an gewalttätige Personen zu geraten.


Gewalt gegen Frauen Femformation

07.10.2025

Ein gewaltfreies Leben ist ein Menschenrecht. Trotzdem erleben Frauen und Mädchen täglich Übergriffe. Ob Belästigung, Bedrohung, Prügel oder Rassismus: Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter.


Wie ticken die Täter?

Die Täter (darunter Männer und Frauen) sind oft nahestehende Personen. Darum ist es nicht so leicht, ihnen aus dem Weg zu gehen. Einige zeigen sich in der Öffentlichkeit hilfsbereit, freundlich und fürsorglich. Mit ihrem Charme wickeln sie alle um den Finger – ihr wahres Gesicht verbergen sie. Darum wird Betroffenen häufig nicht geglaubt, wenn sie vom Missbrauch erzählen.

Viele Täter stehen mit sich selbst im Konflikt: Ihre Ängste und Unsicherheiten verwandeln sie in Wut. Anstatt das zu hinterfragen, machen sie andere für ihre Emotionen verantwortlich. Das Opfer wird zur Projektionsfläche ihres Zorns. Dann fallen Sätze wie: „Ich tue das nur, weil du mich ständig provozierst.“ Manchmal leugnen die Täter voller Überzeugung, Dinge getan oder gesagt zu haben. Durch dieses Gaslighting kannst du das Vertrauen in deine Wahrnehmung verlieren.

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Wölfe schaffen es, ihre Opfer lange Zeit in ihren Bann zu ziehen. Sie sind sehr raffiniert. Wenn sie merken, dass die auserwählte Person ihnen entgleitet oder misstrauisch wird, nähern sie sich an. Sie machen Geschenke und Komplimente, zeigen ihre liebevolle Seite. Dadurch wiegen sich die Opfer in falscher Sicherheit.

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Seelische Gewalt verletzt das Innenleben eines Menschen. © Piyapong Saydaung auf Pixabay.

Seelische Gewalt: Achte auf diese Anzeichen

Die Tricks der Täter bzw. Täterinnen sind meist schwer zu durchschauen. Darum solltest du deine Sinne schärfen. Das hilft auch, wenn du schon seelische Gewalt erlebt hast und sie in Zukunft vermeiden willst. Beachte: Es ist nicht dein Job, die Täter zu therapieren oder zu ändern. Darum Lege den Fokus auf dich. Wie fühlst du dich, was lässt du mit dir machen? Was passiert hier gerade wirklich?

Das können Anzeichen emotionaler Gewalt sein:

  • Du hast Angst vor dem Verhalten einer bestimmten Person, besonders bei Konflikten.
  • Du hast das Gefühl, wertlos zu sein und nichts zu können, da dich dieser Mensch immer wieder kritisiert. Das macht er auch gezielt vor anderen Leuten, damit alle mitbekommen, wie „ungenügend“ du bist.
  • Du fühlst dich von dieser Person nicht ernst genommen. Sie macht sich über deine Emotionen, Hobbys und Wünsche lustig.
  • Du bist im Beisein dieses Menschen sehr unsicher und traust dich nicht, über deine Bedürfnisse zu sprechen. Wenn du es tust, zählt es ohnehin nicht.
  • Du vertraust mehr auf die Meinung dieser anderen Person als auf deine eigene. Sie hat dir oft vermittelt, dass deine Ansichten unwichtig, unrealistisch oder „falsch“ sind.
  • Die Vorstellung, dich von diesem Menschen zu trennen, macht dir riesige Angst. Denn er hat dir eingeredet, dass du es ohne ihn niemals schaffen wirst.

Seelische Gewalt: 4 häufige Straftaten

Psychische Gewalt ist kein eigener Straftatbestand. Das heißt, dieser Begriff steht nicht im Strafgesetzbuch (StGB). Allerdings gibt es Handlungen, die zu seelischer Gewalt zählen und gesetzlich verboten sind:

Das kannst du als Opfer tun

  • Wenn du jetzt bedroht oder angegriffen wirst, wähle die 110!
  • Notiere die Gewalttaten in einem Tagebuch mit Datum und Uhrzeit. Damit du etwas in der Hand hast, falls du Anzeige erstatten willst.
  • Sammle Beweise in Form von E-Mails und speichere Chatverläufe.
  • Haben Zeugen mitbekommen, wie du beleidigt oder bedroht wurdest, schreibe ihre Kontakte auf. Sie können bei Polizei und Gericht für dich aussagen und das Verhalten des Täters bestätigen.
  • Bekommst du mit, dass Minderjährige seelische Gewalt erleben, verständige Polizei oder Jugendamt. Diese Möglichkeit haben auch betroffene Kinder und Jugendliche.
  • Hole dir therapeutische Unterstützung.
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Hier wirst du kostenlos und anonym beraten

Zurück zur eigenen Stärke

Hast du bereits im Kindesalter seelischen Missbrauch erlebt, spürst du die Folgen oft lebenslang. Zum Beispiel fühlst du dich wertlos. Oder es fällt dir schwer, Beziehungen einzugehen und anderen Menschen zu vertrauen.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass du an gewaltsame Partner/Freunde gerätst. Weil dir so ein Verhalten bekannt und vertraut ist. Diese Reaktion ist ganz normal. Schließlich kennst du aus deiner Familie keinen Respekt und liebevolle Zuwendung.

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Du kannst lernen, deine Grenzen zu achten, Nein zu sagen und auf dein Bauchgefühl zu hören. Wenn du magst, lass dich dabei von Coaches und Therapeutinnen unterstützen. Empfehlenswert sind Selbstverteidigungs-Kurse für Frauen. Darin lernst du, selbstsicher und mutig aufzutreten. Die beste Vorbeugung gegen Gewalt ist innere Stärke.

Nutze deine Stimme.

Wirst du manipuliert oder ist jemand aus deinem Umfeld von emotionaler Gewalt betroffen, sprich es an.

Die Täter sollen merken: ihre Masche ist durchschaubar. Generell wird über dieses Thema zu wenig geredet – Liebesentzug und emotionale Erpressung sind erschreckende Normalität. Du kannst das stoppen, indem du dir so ein Verhalten nicht bieten lässt.

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In Worten steckt die Macht, andere zu verletzen. Darum solltest du dein Tun hinterfragen: Wann manipulierst du? Wie sehr setzt du jemanden unter Druck, um deinen Willen zu bekommen? In welchen Momenten sorgst du gezielt dafür, dass eine Person ein schlechtes Gewissen bekommt? Wir tragen die Verantwortung, wie wir miteinander umgehen.


Alle Quellenangaben findest du in diesem Dokument.

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Emotionale Erpressung, Liebesentzug, andere Menschen niedermachen: Seelische Gewalt ist Teil unseres Alltags. Sie hat auch mein Leben geprägt. Bei dem Thema sollten wir aufmerksam sein, es ansprechen und darüber Bescheid wissen.

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Kommentare zu „Seelische Gewalt: Der innere Schmerz“

  1. Avatar von Ursula Fendt
    Ursula Fendt

    Binheute über die Tageszeitung auf eure Plattform gestoßen, sehr sehr gut das ihr euch die Arbeit angetan habt. Eine der größten Schwierigkeiten wenn man Opfer psychischer Gewalt wird/ist, die Ohnmacht weil man sehr lange Zeit meint, man ist selbst schuld, man steht alleine und kein Mensch außerhalb der eigenen 4-Wände glaubt einem diese „Behandlung“ (ganz besonders bei charmanten, freundlichen Zeitgenossen nach außen hin)
    Leider ist es wahnsinnig schwierig sich aus so etwas zu befreien , wenn man ganz am Boden ist und keine Hilfestellung durch eine Vertrauensperson erhält.
    Selbst betroffen, weiß ich wie hart die Arbeit ist und eigentlich nie ganz aufhört- doch für alle aufgeben ist KEINE Option

    1. Avatar von Bea Berger

      Liebe Ursula,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Der Weg raus aus der Opferrolle ist nicht leicht, aber möglich. Wir hoffen, dass wir vielen Frauen dabei helfen können. Hinein in ein selbstbestimmtes gewaltfreies Leben.