K.o.-Tropfen: Ein Wettlauf gegen die Zeit

von

Bea Berger

und

Conni Wilz

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K.o.-Tropfen landen oft in den Getränken von Frauen. Bild © Legentheri auf Pixabay

Du wachst nach einer Party mit unerklärbaren Erinnerungslücken auf? Dann könnten K.o.-Tropfen im Spiel sein. Sie wirken schnell und sind nur kurze Zeit nachweisbar – oft landen sie in Getränken junger Frauen. Besonders fatal: Einige Substanzen kann man legal kaufen.

Was sind K.o.-Tropfen?

Bestimmt hast du schon mal von K.o.-Tropfen gehört. Wusstest du, dass es sich dabei um einen Sammelbegriff für über 100 verschiedene Substanzen handelt? Sie werden missbraucht, um Menschen zu betäuben und willenlos zu machen. Manche Täter nutzen dazu eine Spritze (Needle Spiking). Meistens mischen sie die Mittel heimlich in Getränke (Drink Spiking) und Speisen. Da K.o.-Tropfen farblos sind und kaum Geschmack und Geruch haben, fällt das nicht auf.

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Zahlen_Fakten

Stoffe und Strafe

Mit „K.o.-Tropfen“ sind meist GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure) und GBL (Gamma-Butyrolacton) gemeint. Ursprünglich wurde GHB als Narkosemittel entwickelt. Es ist auch bekannt unter dem Namen „Liquid Ecstasy“ – das hat jedoch keine Gemeinsamkeit mit der Droge Ecstasy!

  • GHB riecht kaum und schmeckt leicht salzig oder seifig. Kauf, Besitz und Handel sind strafbar.
  • GBL wird im Körper zu GHB umgewandelt. Die Flüssigkeit hat weder Farbe noch Geschmack oder Geruch. Sie kommt weltweit als Industrie-Chemikalie zum Einsatz. Damit werden etwa Lacke, Farben und Medizin-Produkte hergestellt. GBL kann man in Deutschland legal kaufen.

Wenn du es genau nimmst, trifft es der Begriff „K.o.-Mittel“ besser als Tropfen. Denn es gibt die Stoffe auch als Tabletten, Kapseln und Pulver. Rezeptpflichtige Medikamente wie Rohypnol, Xanax oder Valium kommen ebenso zum Einsatz wie das Schmerz- und Narkosemittel Ketamin. Auch Alkohol kann eine K.o.-Wirkung haben: wenn er einer Person heimlich verabreicht wird, um sie willenlos zu machen.

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Der Konsum solcher Stoffe ist übrigens nicht verboten. Aber: Um sie einzunehmen, muss man sie beschaffen und besitzen. Trägt der Täter das K.o.-Mittel „nur“ in seiner Tasche, kann er hart bestraft werden. Viele Gerichte bewerten die Substanzen sogar als „gefährliches Werkzeug“.

So wirken K.o.-Tropfen

Am häufigsten werden GHB und GBL verwendet. Es dauert etwa 10 bis 20 Minuten, bis die Wirkung einsetzt. Das hält in der Regel vier Stunden an – in seltenen Fällen bis zu einem Tag. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab: Wie hoch ist die Dosis, wie rein das Mittel? Leidet das Opfer an Vorerkrankungen und wie viel Alkohol oder andere Drogen wurden konsumiert?

Mittlere Dosis:
Deine Hemmschwelle sinkt, du bist kontaktfreudig. Vielleicht hast du das Bedürfnis, ungewöhnlich viel zu reden („Laberflash“). Sexuelle Erregung ist möglich, ebenso wie leichte Halluzinationen. Manche beschreiben ein gedämpftes Gefühl „wie in Watte gepackt“.

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Hohe Dosis:
Du verlierst die Kontrolle über deinen Körper, bist in der Bewegung eingeschränkt und spürst eine bleierne Müdigkeit. Dein Puls wird langsamer. Es können starke Halluzinationen auftreten. Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Atembeschwerden und Störungen von Gleichgewicht und Gedächtnis.

Narkose-Dosis:
Du fällst in einen tiefen Schlaf.  Es kann sein, dass du bewusstlos wirst oder im Koma liegst.

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K.o.-Tropfen sind eine unsichtbare Gefahr. © Olga Volkovitskaia-auf Pixabay.

Was, wenn du zum Opfer wurdest?

Nach so einem Vorfall ist alles anders – dein Leben läuft nicht einfach weiter wie zuvor. Viele Opfer von K.o.-Tropfen sind traumatisiert, ohne genaue Erinnerung an den Vorfall. Sie spüren, dass ihnen etwas Schlimmes angetan wurde, können aber nicht greifen, was genau passiert ist. Manche haben Erinnerungsblitze – kurze Bruchstücke, die plötzlich in Gedanken auftauchen. Auch Jahre nach der Tat.

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Mögliche Folgen sind Depressionen, Angst-, Schlaf- und Zwangsstörungen, sozialer Rückzug und Berufsunfähigkeit. Häufig löst das Erlebnis großes Misstrauen aus. Einige fühlen sich beobachtet. Das belastet die Beziehungen zu anderen Menschen – unter anderem zum Partner.

Meistens stellt man erst am nächsten Morgen fest, dass etwas passiert ist. Das schlimmste Szenario: In einer völlig fremden Umgebung, neben einer unbekannten Person oder unter freiem Himmel aufzuwachen. In deinem Kopf herrscht gnadenlose Leere. Du bist verwirrt und hilflos und kannst nicht einordnen, was dir zugestoßen ist.

Der erste Impuls ist, nachhause zu kommen, um dich zu sammeln oder zu verkriechen. In der Situation ist es fast unmöglich, logisch zu handeln. Verbrechen mit K.o.-Tropfen verlaufen von Fall zu Fall unterschiedlich. Es gibt keine Standard-Vorgabe, wie du dich verhalten sollst. Doch du hast einige Möglichkeiten, etwas zu unternehmen.

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K.o.-Tropfen sind schwer von einem Alkohol-Rausch zu unterscheiden. © SarahRichterArt auf Pixabay.

Ab zur Spurensicherung

K.o.-Tropfen nachzuweisen ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Dein Körper baut die Substanzen schnell ab: GHB und GBL sind im Blut höchstens 6 Stunden und im Urin 12 Stunden lang erkennbar. Darum solltest du baldmöglich eine Gewaltambulanz aufsuchen. Sie ist immer an ein Institut für Rechtsmedizin angeschlossen. Dort analysieren Experten nicht nur K.o.-Mittel, sondern auch Spuren von Gewalteinwirkung und Vergewaltigung (Fremd-DNA wie Sperma, Schamhaare, Fingerabdrücke usw.)

Es gibt dort Rechtsmediziner mit einer speziellen Ausbildung. Sie dokumentieren alle Hinweise so, dass sie vor Gericht als Beweise anerkannt werden. Ein „gewöhnlicher“ Arzt kann das nicht. Daher ist es in solchen Fällen nicht ratsam, in ein normales Krankenhaus zu gehen. Ist zu viel Zeit vergangen, um Blut und Urin zu testen, kann man im Nachhinein Haare analysieren. Darin finden sich bis zu drei Monate nach der Tat Abbau-Produkte von K.o.-Mitteln.

Deine Wege zur Untersuchung:

So kannst du selbst Beweise sammeln

Jeder Hinweis ist wichtig. Du kannst dazu beitragen, dass Beweise nicht verloren gehen. Alles, was hier aufgezählt wird, kannst du bei der Polizei oder direkt in der Gewaltambulanz abgeben. Falls du die Möglichkeit hast, pinkle in ein sauberes Glas und stelle es in den Kühlschrank (dadurch wird die Probe länger verwertbar).

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Bei Vergewaltigung oder Verdacht darauf beachte 3 Regeln:

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1.

Nicht waschen. Weder Körper, noch Kleidung oder Hände.

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2.

Getragene Kleidung (besonders Slip) einzeln in Papiertüten packen.

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3.

Gegenstände, die der Täter zurückgelassen hat, auch einzeln einpacken.

Eines solltest du noch wissen: Beweise führen nicht automatisch zum Täter. In den meisten Fällen bleibt er unbekannt. Ein Nachweis bestätigt vor allem dir und deinem Umfeld, dass du Opfer von K.o.-Tropfen wurdest. So kannst du mit dem Geschehenen besser umgehen.

Hilfestellen im Überblick

    K.o.-Taten vorbeugen: 6 Tipps

    Einen hundertprozentigen Schutz vor K.o.-Tropfen gibt es nicht. Doch du kannst ein Stück weit für deine Sicherheit und die deines Umfelds sorgen:

    1. Hol dir deinen Drink selbst
      Nimm niemals ein offenes Getränk von einem Fremden an. Stelle sicher, dass du es direkt vom Personal bekommst.
    2. Lass dein Getränk nie unbeobachtet
      Am besten stellst du es gar nicht erst ab und hältst es so, dass du es mit einer Hand bedeckst. (Abdeck-Schutz kann man auch kaufen). Hast du Zweifel, lass deinen Drink stehen und bestelle einen neuen.
    3. Passt aufeinander auf
      Bist du mit Freunden unterwegs, achtet auf euch. Behaltet eure Getränke im Blick und seid wachsam, wenn sich einer von euch seltsam verhält.
    4. Trinke mit Verantwortung
      Es ist teils schwierig, einen Alkoholrausch von einem K.o.-Tropfen-Trip zu unterscheiden. Trinke deshalb in Maßen, damit du deinen Zustand einordnen kannst.
    5. Vorsicht bei Testarmbändern!
      In Drogerien, Apotheken und im Internet gibt es sogenannte Test-Armbänder für K.o.-Tropfen. Sie sollen anzeigen, ob sich GHB im Getränk befindet. Die Ergebnisse sind jedoch ungenau und teils falsch. Diese Armbänder bieten keine Sicherheit – sie können höchstens Täter abschrecken.
    6. Komm sicher nachhause
      Gehe nicht mit Fremden mit. Im Idealfall nimmst du ein Taxi oder lässt dich von Freunden begleiten. Bist du alleine und fühlst dich unsicher, nutze das Heimweg-Telefon: 030 12074182. Eine Gesprächspartnerin begleitet dich, bis du sicher zuhause ankommst. Du gibst ihr deinen Standort durch – im Notfall alarmiert sie Polizei oder Rettung.
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    Schütze dich beim Feiern vor K.o.-Tropfen. © cocktail_Stocksnap auf Pixabay

    Wo stehen wir – Wie geht es weiter?

    Die meisten haben schon einmal von K.o.-Tropfen gehört, doch die wenigsten kennen sich damit aus. Um das zu ändern, braucht es Aufklärung. Zudem müssen die (Verdachts)fälle besser dokumentiert, gesammelt und in Statistiken verarbeitet werden.

    Die Beweissicherung ist für die Opfer oft eine große Hürde. Einzelne Modellregionen (z.B. das iGOBSIS-Projekt in NRW) machen den Vorreiter. Dort trägt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für eine vertrauliche Spurensicherung. Das müsste bundesweit umgesetzt werden.

    Außerdem läuft über das Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Freiburg derzeit eine einzigartige Studie: Man möchte erfassen, in welchem Ausmaß K.o.-Mittel im Nachtleben zum Einsatz kommen. Dazu werden in Clubs, Bars und anderen Veranstaltungsorten Test-Kits verteilt. Auch eine Urinprobe ist dort möglich. Kostenlose Labor-Analysen liefern ein schnelles Ergebnis.

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    Was tut die Politik?

    Sie zieht sich aus der Verantwortung, damit die Industrie nicht zu viele Regeln befolgen muss. Dabei wäre es die Aufgabe der Regierung, Gewaltschutz ernst zu nehmen. Und wie? Ganz einfach: Mit einem Bitterstoff, der auch in Kindershampoos steckt, könnte man Stoffe wie GBL ungenießbar machen.

    Du siehst: Bis sich etwas bewegt, bleibt deine Eigenverantwortung gefragt. Informiere dich und andere. Sei aufmerksam, wenn du Feiern gehst.


    Alle Quellenangaben findest du in diesem Dokument.

    Avatar von Bea Berger

    In meinem persönlichen Umfeld gab es mehrere Fälle von K.o.-Taten. Ich habe einen Fall miterlebt, der vor Gericht verhandelt wurde. Er endete für den Täter aus Mangel an Beweisen mit einem Freispruch.

    Frauensupport

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